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Montag, 11. Dezember 2017

Isabel Allende / Der japanische Liebhaber (1)


Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre

Dieses Buch von Isabel Allende hat mich arg überrascht.

Mir hat es sehr gut gefallen, womit ich nicht gerechnet habe, nach dem ich so viele negative Kritiken gehört / gelesen habe. Ich selbst hatte damit auch nicht gerechnet, da ihr Schreibstil so nachgelassen hat. Ich weiß nicht mehr, welches Buch es war, das mich total enttäuscht hatte. Eines von den Letzten, weshalb ich mir mit der Anschaffung des vorliegenden Buches so viel Zeit gelassen habe.

Allende beschäftigt sich in diesem Buch mit historischen Themen wie dem Zweiten Weltkrieg und den Nationalsozialismus, mit einer außergewöhnlichen Liebesgeschichte, die bis in die Gegenwart reicht. Und man bekommt es mit mehreren unterschieflichen Familien zu tun ...
Man benötigt demnach gute Synapsen, wenn man immer wieder von der einen Familie in die nächste gerät, von der Vergangenheit in die Gegenwart, nicht immer chronologisch geordnet, und die vielen unterschiedlichen Figuren haben mich herausgefordert.

Deshalb bin ich in die Geschichte am Anfang schwer reingekommen, als mir die vielen Figuren noch fremd waren und ich mich an dieses Hin- und Herspringen von einer Familie in die nächste gewöhnt habe. Als ich schließlich in dem Geschehen angekommen war, ging es dann recht zügig mit dem Lesen, wobei ich mir mit dem Verarbeiten dieser Themenvielfalt etwas Zeit gelassen habe.

Zur Erinnerung gebe ich erneut den Klappentext rein:
Für Irina ist der neue Job ein Glücksfall. Die junge Frau soll für die Millionärin Alma Belasco als Assistentin arbeiten. Mit einem Schlag ist sie nicht nur ihre Geldsorgen los, sondern gewinnt auch eine Freundin, wie sie noch keine hatte: extravagant, überbordend, mitreißend und an die achtzig. Doch bald spürt sie, dass Alma verwundet ist. Eine Wunde, die nur vergessen scheint, wenn eines der edlen Kuverts im Postfach liegt. Aber wer schreibt Woche um Woche diese Liebesbriefe? Und von wem stammen all die Blumen? Auch um sich von den eigenen Lebenssorgen abzulenken, folgt Irina den Spuren, und es beginnt eine abenteuerliche Reise bis weit in die Vergangenheit. 

Fast jede Figur in dem Buch bringt eine interessante Lebensgeschichte mit, selbst die unscheinbare 23-jährige Irina Bazili, die ursprünglich aus Moldawien kommt und mit Kinderpornographie und Pädophilie in zu tun bekommen hat. Irina Bazili ist eigentlich nicht ihr richtiger Name, sie hat den richtigen abgelegt, um diese sexuellen Missbräuche zu vergessen, und um eine neue Identität zu erwerben. Allerdings ist Irina dadurch nicht wirklich beziehungsfähig ... Irina beschäftigt sich lieber mit den Problemen anderer Leute …

Doch bevor sie Alma Belasco kennenlernt und für sie arbeiten wird, ist sie im Lark House beschäftigt. Lark House ist ein recht großes Seniorenheim. Irina ist beliebt bei den Bewohnern, sie zeigt sich recht kompetent in der Arbeit mit den alten Leuten. Ihr guter Ruf reicht bis zur Heimbewohnerin Alma Belasco, die sie bei sich als Assistentin einstellt.

Alma, die eigentliche Heldin des Romans, ist jüdischer Abstammung, und sie wird im Alter von acht Jahren von der Familie aus Warschau in Begleitung ihrer Kindererzieherin nach Amerika zu Onkel Isaac und Tante Lillian geschickt, die selbst drei Kinder haben. Alma erleidet dadurch ein schweres Trauma, als sie von ihrer Familie getrennt wird. Eine Zeit lang versteckt sie sich weinend im Kleiderschrank, bis sie lernt, ihre Tränen zu schlucken. Zutrauen findet sie von Anfang an in ihrem jüngsten Cousin Nethaniel. Und dieses Vertrauen bleibt bis ins hohe Alter. Alma vertraut ihm alle Sorgen an, selbst ihre intimsten aus der Zeit ihrer körperlichen und pubertären Entwicklung. Auch Nethaniel ist eine sehr interessante Figur, die mir eigentlich von allen Figuren am sympathischsten war, da er sehr sensibel und fürsorglich sich Alma gegenüber gegeben hat … Und er besitzt sehr viel Weisheit. Erst am Schluss erfährt man mehr aus seinem recht außergewöhnlichen Leben.

Bei den Belascos war ein japanischer Gärtner eingestellt namens Takao Fukuda, der einen Sohn, Ichimei, hat. Ichimei war so alt wie Alma. Zwischen den beiden Kindern entwickelt sich eine außergewöhnliche Liebe, die außergewöhnliche Wege geht ...

Die Familie Fukuda wird im Zweiten Weltkrieg interniert, als sich Amerika mit Japan im Krieg befand. Alle in Amerika lebende Japaner, auch die mit amerikanischer Staatsbürgerschaft, wurden nach Topaz überführt und in ein Internierungslager gesteckt, das mit den Konzentrationslagern in Europa Ähnlichkeit hatte. Erst als Japan kapituliert, werden die Inhaftierten aus den Lagern wieder entlassen. Nicht auszudenken, was die amerikanische Regierung mit diesen Menschen gemacht hätte, wenn das Land den Krieg mit Japan verloren hätte. Und wieder erlebe ich ein Amerika, das Menschen einer ethnischen Gruppe politisch unter Generalverdacht stellt ...

Alma und Ichimei kommen wieder zusammen, aus der Kinderliebe entwickelt sich eine erwachsene Liebe entgegen aller Konventionen. Dies macht die Beziehung sehr schwer, weshalb sie sich in fremde Bahnen entwickelt.

Irina wandelt auf den Spuren von Alma. Sie sortiert alle Fotos, Briefe und sonstige Schreiben ihrer Chefin, die so nach und nach zu einer Freundin wird. Doch auch Irina ist gefordert, als Seth, der Lieblingsneffe von Alma, sich in sie verliebt, an ihrer Vergangenheit zu arbeiten.

Mehr möchte ich nicht verraten.

Mein Fazit?

Eigentlich mag ich keine Liebesromane, aber es gibt Ausnahmen. Allendes Liebesromane sind keine typischen Liebesromane; nicht schnulzig und auch nicht so billig vom Inhalt her geschriebenen. Man bekommt es mit sehr interessanten Persönlichkeiten zu tun … Auch den historischen Teil fand ich hochinteressant.

Auch wenn ich ein paar Fakten verraten habe, bleibt in dieser Romanwelt noch genug anderes zu entdecken und zu erleben.


Meine Bewertung?

2 Punkte: Sprachlicher Ausdruck (Anspruchsvoll, keine saloppe Schreibweise)
2 Punkte: Differenzierte Charaktere
2 Punkte: Authentizität der Geschichte
2 Punkte: Fantasievoll, ohne dass es kitschig oder zu sentimental wirkt
2 Punkte: Frei von Stereotypen, Vorurteilen, Klischees und Rassismus
2 Punkte: Cover und Titel stimmen mit dem Inhalt überein

Zwölf von zwölf Punkten.


Weitere Informationen zu dem Buch

  • Taschenbuch: 335 Seiten
  • Verlag: Suhrkamp Verlag; Auflage: 2 (11. September 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3518467301

Und hier geht es auf die Vderlagsseite von Suhrkamp/Insel.

Auf der Verlagsseite findet man noch jede Menge nützliche Informationen zu der Autorin. 
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Das Herz ist groß, man kann mehr als einen Menschen lieben.
(Isabel Allende)

Gelesene Bücher 2017: 54
Gelesene Bücher 2016: 72
Gelesene Bücher 2015: 72
Gelesene Bücher 2014: 88
Gelesene Bücher 2013: 81
Gelesene Bücher 2012: 94
Gelesene Bücher 2011: 86




Sonntag, 5. November 2017

Guinevere Glasfurd / Worte in meiner Hand (1)

Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre

Ich habe mich gefragt, zu welchem Genre dieses Buch passen könnte? Ist es ein Historischer Roman? Eine Biografie? Eine Romanbiografie? Ein fiktionales Buch? Wenn man dem Klappentext glauben möchte, dann wird der Inhalt des Buches als eine wahre Geschichte deklariert. Und so habe ich mich zum Schluss gefragt, ob der Verlag überhaupt das Nachwort gelesen hat, denn im Nachwort steht  explizit, dass der Roman erfunden sei.

Ich würde sagen, der Roman hat durchaus auch biografische Züge. Die beiden Protagonisten René Descartes und Helena Jans van der Strom hat es wirklich gegeben. René Descartes ist als französischer Philosoph bekannt, aber wer war Helena van der Strom? Die Antwort darauf liefert ja schon der Klappentext. Allerdings lebten sie Mitte des 17. Jahrhunderts. Descartes wurde 1596 geboren, in einer Zeit, aus der es schwierig sein muss, Material zu diesem Thema zusammenzustellen.

Deshalb besteht das Buch aus einem Mix von allem. Dort, wo der Autorin Fakten gefehlt haben, füllte sie die Lücken in einer recht kreativen fabulierfreudigen Form.

Zur Erinnerung gebe ich erneut den Klappentext rein: 
Amsterdam, 1630er Jahre. Helena Jans van der Strom arbeitet als Magd bei einem Buchhändler. Ein großes Glück für sie, denn sie kann lesen und schreiben und geht mit offenen Augen durch die Welt. Der neue Hausgast ihres Herrn fasziniert sie: Er arbeitet ununterbrochen, und Helena ist angewiesen, ihn „Monsieur“ zu nennen. Der Fremde zieht viele Besucher an, und sie erfährt seinen echten Namen: René Descartes. Sie ist zu neugierig, um Distanz zu wahren. Und auch Descartes ist schon bald von ihrem Charme und Wissensdurst eingenommen. Sie verlieben sich, was unmöglich ist: Sie ist Calvinistin, er Katholik. Sie ist nur eine einfache Magd, er Europas aufstrebender Philosoph. Die beiden sind zwei kühne, mitreißende Geister, die sich von dem Standesdünkel des Goldenen Zeitalters in Holland nicht aufhalten lassen.

Mir hat das Buch gut gefallen. Es liest sich recht flüssig und man kommt schnell und leicht in die Handlung rein.

Helena war eine sehr mutige Frau, wie sie mit Kind ihr Leben hat einrichten wollen … Mutig, sich überhaupt auf eine Beziehung einzulassen, sich hingezogen fühlen zu einem Mann mit einem großen Standesunterschied, in der diese Art von Bindung  perspektivisch wenig zu bieten hat …

Außerdem war sie sehr begabt, konnte sich das Schreiben und Lesen selbst beibringen, sie war darin nur noch nicht geübt.

Sie war gerade mal 18 Jahre alt, als sie als Magd in Amsterdam gelebt hat, in einem Haus eines Engländers namens Mr. Sergeant, dessen Frau verstorben war. Helena wollte in diesem Haus gerne ihre Schreibfertigkeit vervollständigen. Sie fühlte sich hier geradezu berufen, da Mr. Sergeant über eine Bibliothek verfügte, und er darin viel Zeit schreibend zubringt.  Mr. Seargent stellte Helena auf die Probe, wollte wissen, ob sie tatsächlich schreiben konnte. Aber Helena wusste nicht mal, wie eine Schreibfeder zu halten war, und so fiel sie durch diesen Test. Im Geheimen macht sie Trockenübungen, da Papier rar war. Papier besaßen nur die Gebildeten. Mister Seargent schenkte ihr eine Tafel und Kreide, sodass sie auf der Tafel ihre zu tätigen Einkäufe festhalten sollte …

In dem Haus des Engländers lernt sie den viel älteren Descartes kennen, der für eine bestimmte Zeit zusammen mit seinem Diener namens Limousin hier logieren sollte.

Helena und Descartes fühlen sich sexuell zueinander hingezogen, und zwischen ihnen beiden entwickelt sich eine heimliche Bindung. Descartes erkennt recht schnell, dass Helena nicht irgendeine Magd war, sondern eine junge Frau, die hungrig nach Bildung ist. Er ist es, der ihr zeigt, wie man eine Schreibfeder zu bedienen hat, und lässt ihr reichlich viel Schreibpapier, Tinte und Schreibfedern zum Üben zukommen … Wenn alles verbraucht war, sorgte er immer wieder für Nachschub.

Die sexuelle Beziehung mit Descartes wird immer komplizierter, denn schon bald erwartet Helena ein Kind von ihm. Es ist Limousin, der zwischen dieser heimlichen Liebe Verdacht schöpft, auch ist er es, der als Erster merkt, dass Helena schwanger ist …  

Sie verlässt das Haus des Engländers und zieht bei einer Hebamme ein, um bei ihr ihr Kind zur Welt zu bringen. Sie sollte dort auch wohnen, Descartes hatte alles arrangiert, damit seine junge Liebe nicht auf der Straße mit dem Kind leben musste. Mit einem kleinen Kind ist die Arbeit als Magd nicht mehr durchzuführen. Nach der Geburt des Kindes, nach ca. einem Jahr, zieht es sie allerdings wieder zurück nach Hause. Sie ist enttäuscht, dass Descartes sie nicht besuchen kommt, nicht mal um nach seinem Kind zu sehen. Descartes ist viel beschäftigt, seine intellektuelle Arbeit steht immer an vorderster Stelle. Das nimmt ihm Helena übel …

Und so verlässt Helena mit ihrer Tochter heimlich das Haus der Hebamme und macht sich auf nach Leiden, wo ihr Elternhaus steht. Mit Descartes wollte sie nichts mehr zu tun haben, und beschließt, das Kind alleine großzuziehen ...

Man sieht ihr die gesellschaftliche Stellung an, eine Waschfrau auf der Straße geigt ihr unverblümt die Meinung, als Helena diese bei ihrer Tätigkeit beobachtet und sie sich an die schwere Arbeit als Magd beim Engländer zurückerinnert:
>>Weißt du, was ich denke, wenn ich sehe, wie du mit deinem kleinen Mädchen spazieren gehst, das Haar lose, wenn alle anderen hier schwer arbeiten, um grauen Stoff weiß zu bekommen? Zu fein, um eine Magd zu sein, nicht fein genug, um die Ehefrau zu sein, das denke ich. Was bist du, wenn du weder das eine noch das andere bist?<< (2015, 342)

Sie verheimlicht der Mutter den Namen des Vaters ...

Zu Hause kann sie aber nicht auf Dauer bleiben. Irgendwann setzt die Mutter ihr eine gewisse Frist, wann sie das Haus wieder verlassen soll, um woanders einen Neuanfang zu starten. Es gäbe genug alleinstehende Männer, Witwer, die Helena trotz des Kindes heiraten würden ...

Helena versucht, über Jobs für sich und für ihre Tochter Francine zu sorgen. Sie schreibt ein Lehrbuch, aus dem Kinder das Alphabet lernen könnten. Sie stellt ihr Manuskript einem Buchhändler vor, aber er lehnt es ab, da niemand Bücher von einer Frau kaufen würde. Sie versucht es mit Zeichnungen … 

Irgendwann taucht Descartes auf, der in Leiden überall nach ihr gesucht hat, und sie auch im Elternhaus findet. Die Mutter befand sich für mehrere Wochen auf Reisen bei der Schwester. Obwohl sie ein gemeinsames Kind haben, ist Descartes für sie noch immer nur der Monsieur und redet ihn auch mit Monsieur an ...

Descartes lernt sein kleines Töchterchen kennen und liebt es auch abgöttisch. Aber aufgrund gesellschaftlicher Konventionen schafft er es nicht, sich seiner Familie zu stellen und versteckt sie stattdessen. Francine nennt den Vater Onkel, sie wird nie erfahren, dass der Onkel der Vater ist. Als das Mädchen größer wird, stellt sie Fragen, weshalb Descartes der Onkel sei, und für die Mutter nur der Monsieur …

Mehr möchte ich nun nicht verraten. Wer mehr wissen möchte, so verweise ich Weiteres auf das Buch. Es gibt in dem Buch noch Vieles zu entdecken. 


Mein Fazit?

Es war für mich nochmals interessant, daran erinnert zu werden, wie schwer es eine Frau vor unserer Zeit hatte. Noch schwerer allerdings hatten es die Frauen, die aus der unteren Schicht kommen und es nicht üblich war, sie zu bilden und sie gezwungen waren, ihre bescheidene Existenz mit schwerer Arbeit zu sichern. Gerade die Arbeit als Magd war ein Rund-um-die-Uhr-Job. Niemand käme auf die Idee, dass eine einfache Frau wie Helena schreiben und lesen konnte. Descartes war anders eingestellt, er hatte sogar dafür gesorgt, dass seine Tochter alphabetisiert wird. Aber alles versteckt, niemand sollte dahinterkommen. Helena war eine begabte junge Frau, die es intellektuell hätte weit bringen können, wenn man sie nur gelassen hätte. Wie fest diese gesellschaftlichen Banden sind, wird in diesem Buch deutlich. Selbst die Gebildeten hatten es nicht geschafft, diese Schwellen zu überschreiten. Sie hatten ihren guten Ruf zu wahren. Niemand würde sich mehr für die intellektuelle Arbeit Descartes interessieren, wenn herausgekommen wäre, mit welcher Frau er zusammen war, von welcher Frau er eine Tochter besaß. Obwohl es so schwer war, hoffte Helena insgeheim, er würde zu ihr und zu dem Kind stehen, und sich als Familie zeigen.


Meine Bewertung?

2 Punkte: Sprachlicher Ausdruck (Anspruchsvoll, keine saloppe Schreibweise)
2 Punkte: Differenzierte Charaktere
2 Punkte: Authentizität der Geschichte
2 Punkte: Fantasievoll, ohne dass es kitschig oder zu sentimental wirkt
2 Punkte: Frei von Stereotypen, Vorurteilen, Klischees und Rassismus
2 Punkte: Cover und Titel stimmen mit dem Inhalt überein

12 von zwölf Punkten.

 Weitere Informationen zu dem Buch

·         Historischer Roman
·         Hardcover
·         Hardcover mit Schutzumschlag
·         432 Seiten
·         The Words in my Hand
·         Aus dem Englischen übersetzt von Marion Balkenhol.
·         ISBN-13 9783471351239
·         Erschienen: 07.08.2015

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Gelesene Bücher 2017: 50
Gelesene Bücher 2016: 72
Gelesene Bücher 2015: 72
Gelesene Bücher 2014: 88
Gelesene Bücher 2013: 81
Gelesene Bücher 2012: 94
Gelesene Bücher 2011: 86




Samstag, 28. Oktober 2017

Klaus Cäser Zehrer / Das Genie (1)


Eine Romanbiografie 

Lesen mit Tina


Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre

Das Buch ist sehr vielversprechend. Es bietet ungeheuer viel Stoff zum Nachdenken und zum Weiterspinnen und es besteht auf jeden Fall hoher Gesprächsbedarf.

Das Buch schreit regelrecht nach Menschlichkeit. Es zeigt, wie der hochintelligente Protagonist William James Sidis sich nach einem ganz gewöhnlichen Leben sehnt, und von der sensationsgierigen Presse so richtig gemobbt wird. Aber bevor es dazu kommt, bevor man in das Leben des William James Sidis' gerät, wird man erst mal mit dem Leben beider Elternteile vertraut gemacht.

Zur Erinnerung gebe ich erneut den Klappentext rein:
Boston, 1910. Der elfjährige William James Sidis wird von der amerikanischen Presse als »Wunderjunge von Harvard« gefeiert. Sein Vater Boris, ein bekannter Psychologe mit dem brennenden Ehrgeiz, die Welt durch Bildung zu verbessern, triumphiert. Er hat William von Geburt an mit einem speziellen Lernprogramm trainiert. Durch Anwendung der Sidis-Methode könnten alle Kinder die gleichen Fähigkeiten entwickeln wie sein Sohn, behauptet er. Doch als William erwachsen wird, bricht er mit seinen Eltern und seiner Vergangenheit. Er weigert sich, seine Intelligenz einer Gesellschaft zur Ver­fügung zu stellen, die von Ausbeutung, Profitsucht und Militärgewalt beherrscht wird. Stattdessen versucht er, sein Leben nach eigenen Vorstel­lungen zu gestalten – mit aller Konsequenz.

Während des Lesens stellten sich mir als Leserin jede Menge Fragen, die später, fast am Ende des Buches, größtenteils auch beantwortet werden.

Zu Beginn lernen wir den Vater des Helden kennen, der, noch keine zwanzig Jahre alt, seine Heimat aus politischen Gründen verlässt, und emigriert nach Amerika. Boris Sidis spricht mehr als zwanzig Muttersprachen und ist ein geistiges Multitalent. Man glaubt, dass es kaum eine Wissenschaft gibt, die er nicht beherrscht. Als ein ukrainischer Immigrant wird er in seiner Wahlheimat mit vielen Vorurteilen und mit Rassismus konfrontiert. Man sieht ihm seine Bildung nicht an … Schnell macht Boris die Erfahrung, dass man in Amerika, in dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten, vielen Grenzen ausgesetzt ist. Von Amerika recht schnell desillusioniert muss er sich trotzdem durchschlagen, wenn er nicht wieder zurück in die Heimat will, dort, wo es sich noch schlimmer als in Amerika leben lässt. In der Ukraine wurde er ins Gefängnis gesperrt, nur weil er seinen Landsleuten Unterricht erteilt hatte …

Dann lernen wir Sarah kennen. Auch Sarah ist ein außergewöhnlicher Mensch. Sie kommt aus einer kinderreichen ukrainischen Familie. Die Mutter hatte 15 Kinder geboren. Sarah ist das älteste Kind, sodass sie im Alter von zwei Jahren lernen musste, für sich selbst zu sorgen, da die Mutter keine Zeit für sie hatte. Man muss sich vorstellen, dass sich die Kleine am Abend sogar selbst ins Bett gebracht hat. Zudem musste Sarah als die ältere Tochter im Haushalt und in der Verpflegung ihrer Geschwister wie eine Mutter mithelfen. Für keine familiäre Arbeit war sie zu jung. Sie hatte keine Zeit, eine Schule zu besuchen. Sie besaß nicht einmal ein Abschlusszeugnis von der Grundschule. Als sie größer wird, muss sie sogar eine externe Arbeit antreten, um das Einkommen des Vaters mitaufzustocken. Eines Tages wandert der Vater zusammen mit Sarah nach Amerika aus, und nach und nach wird die Familie nachgezogen.

Hier lernt Sarah Boris kennen, zwei außergewöhnliche Menschen mit außergewöhnlichen Leistungen und beide vermählen sich. Boris wirkt sehr unsympathisch, empathielos und hat wenig Geduld mit seinen Mitmenschen. Er stellt sich wahrheitsliebend gegen jegliche gesellschaftliche Normen und eckt damit überall an.  …

Sarah macht trotz der bürokratischen Hürde ihre Schulabschlüsse an Abendschulen in Amerika nach, Dank Boris, der ihr das Lernen beibringt. Sarah schafft es bis zu einem Medizinstudium und erwirbt im Anschluss daran sogar noch ihren Doktor. Sarah und Boris bekommen beide ihr erstes Kind. Das Kind William James wird geboren, an dem die Eltern ihr Erziehungsexperiment durchführen und nennen es die Sidis-Erziehungsmethode, mit dem Leitbild, dem Kind das Lernen als Spiel erfahrbar zu machen. Sie erzielen mit ihrem Erziehungsexperiment große Erfolge. Der Junge bringt schon im Säuglingsalter außergewöhnlichen Leistungen zustande. Mit acht Jahren denkt er schon ans Bücherschreiben. Er sucht nach einem wissenschaftlichen Thema, über das noch keiner vor ihm geforscht hat. Von dem Vater bekommt er zum Geburtstag ein Mikroskop geschenkt und so wendet sich William den Ameisen zu, die er in einer Streichholzschachtel sammelt, in der Hoffnung, eine unentdeckte Art zu finden, die er als Formica sidisi bezeichnen würde ...

Die Eltern fühlen sich bestätigt und verfolgen das Ziel, mit ihren Erziehungsmethoden an die Öffentlichkeit zu gehen, um sämtliche Bildungseinrichtungen komplett zu reformieren, denn aus allen Kindern mit einer durchschnittlichen Intelligenz sollten Hochbegabte herangebildet werden. Die Sidis fordern alle Lehrer auf, das Beste aus ihren Schülern hervorzulocken. Sie hegten tatsächlich Ziele, dass alle öffentliche Bildungsanstalten in Sidis-Kindergärten, in Sidis-Schulen, in Sidis-Universitäten umgewandelt werden ... Wenn alle Menschen Genies wären, erst dann könne man die Menschheit vor der Sklaverei des Kapitalismus befreien. Auch müsse dann niemand mehr niedrige Arbeiten verrichten, das würden alles Maschinen übernehmen, und der Mensch wäre in der Lage, seine gesamte Lebenszeit bis zum Lebensende sinnvoll zu gestalten. Eine Welt besser machen, in dem alle Menschen auf einer Stufe stehen würden. Es gäbe keine Armen mehr, und keine Reichen, die die Armen ausbeuten … Und auch der Weltfrieden wäre sichergestellt, denn die Menschheit würde aufhören, sich durch Indoktrination beeinflussen und beirren zu lassen. Niemand würde noch in den Krieg ziehen wollen.

Diese politischen und philosophischen Ideen fand ich sehr lesenswert. Und doch hat man sich als Leserin gefragt, wo denn die Herzensbildung bleibt? Werden dem Kind auch soziale Kompetenzen beigebracht? Kann das Kind in seinem Einzelstatus überhaupt gesellschaftlich bestehen? Bleibt die Kindheit nicht auf der Strecke? Als William James im Säuglingsalter viel schreit, zeigt sich der Vater ungeduldig, plärrt seine Frau an; stell das ab, stell das ab. Das hat mich geschockt …

Ich muss schon sagen, mir war William James sympathischer als der Vater, am Ende konnte ich sogar die Mutter nicht mehr ausstehen und ich hatte totales Verständnis für William, der nicht nur bei den Medien auf Missachtung stößt, unter seinen Altersgenossen war er auch vielen Neidern ausgesetzt … William entwickelte sich als Erwachsener zu einem radikalen Pazifisten ... Auch sein Sprachjargon ist hochtrabend, verwendet keine einfachen Worte. Im Hörsaal versucht er die weiblichen Studenten von seiner Vorlesung rauszuschmeißen mit der Begründung, die männlichen Studenten hätten nur eines im Kopf, sie würden nur ans Koitieren denken, das halte vom Unterricht ab. Dass darüber jeder lacht, und seine Abmahnung von den StudentInnen ins Lächerliche gezogen wird, ist für mich als Leserin gut vorstellbar gewesen, denn so spricht kein Mensch, außer William …

William gehört keiner Kirche an, wählt trotzdem eine zölibatäre Lebensform, aus dem Grund, dass Beziehungen nur vom Eigentlichen ablenken würden. Dass die Welt auf die Fortpflanzung zur Erhalt der Menschenrasse angewiesen ist, darüber schien sich William keine Gedanken gemacht zu haben ...

Im späteren erwachsenen Alter flüchtet William vor seinen Verfolgern und gerät in eine große Selbstfindungsstörung. Er versucht in die soziale und gesellschaftliche Isolation abzutauchen und gerät auch mit den Eltern in eine schwere Krise und bricht den Kontakt zu ihnen ab …

… denn schon früh wird William von den Medien erfasst und viel zu jung kommt er ins Rampenlicht. Sensationsgierige Journalisten liefern in ihren Zeitungen ein recht abfälliges und triviales und polemisches Bild von William ab.  Man muss sich einen elfjährigen Jungen vorstellen, der wie ein Erwachsener mit einer Kinderstimme oben auf dem Podest steht, und wissenschaftliche Vorträge hält, mit 16 Jahren an der Uni doziert. Mit neun Jahren schon seine ersten unveröffentlichten Bücher geschrieben hat …

William James geht gerichtlich vor, und klagt die Zeitung New York Times an wegen Verletzung der Privatsphäre und wegen Rufmord. Ich habe richtig mit William gebangt, und ihm einen Sieg gegönnt. Halte mich hierzu weiter bedeckt.

Was ich nicht erwähnt habe, ist, dass es noch eine viel jüngere Schwester von William gibt, die aber aus Zeitnot eine ganz gewöhnliche Erziehung erhält ... 

Mehr möchte ich nun nicht verraten. Ich kann nur jedem raten, das Buch nicht alleine zu lesen, sondern mit jemandem zusammen, damit man die Möglichkeit hat, auch über den Inhalt zu diskutieren.


Mein Fazit?

Ich persönlich zweifle an der Sidis-Erziehungsmethode. Wie kann man von einem Fall auf alle schließen? Für mich ist William definitiv ein Einzelfall, der aus einem hochbegabten Elternhaus stammt, dem es leicht fällt zu lernen, wobei mir auch bewusst ist, dass an normalen Schulen viele Kinder mit einer überdurchschnittlichen Intelligenz sitzen, die auffällig werden, weil sie nicht richtig gefördert werden, und sie sich stattdessen im Unterricht langweilen. Im schlimmsten Fall landen viele Hochbegabte sogar in Sonderschulen. Trotzdem scheint mir diese außergewöhnliche Lernmethode sehr einseitig und zu kopflastig. Aber wer weiß, vielleicht bringt  das Buch die Pädagogen zum Nachdenken, vor allem erst mal an den Universitäten, wo dort das eine oder andere weiter erforscht werden kann, ohne die Herzensbildung zu vernachlässigen, wobei an den Universitäten schon viel getan wird, aber es scheitert oftmals an der Umsetzung in der pädagogischen Praxis. Reformpädagogen hat es schon immer gegeben, ohne dass sie Einfluss nehmen an den gewöhnlichen öffentlichen Schulen. Angewendet wird diese Praxis an Privatschulen, die sich nicht jeder leisten kann, aber ursprünglich für Kinder aus der unteren Schicht entwickelt wurden (Montessori, Steiner, Binet etc.) Und so landen immer noch viel zu viele Kinder aus den Unterschichten auf Sonder- oder Hauptschulen, selbst wenn es heute mehr Abiturienten gibt, als vergleichsweise noch vor vierzig Jahren. In dieser Hinsicht bin ich mit den Sdis einer Meinung; jedes Kind sollte bestmöglich gefördert werden, denn jedes Kind bringt Stärken mit. Ein Reichtum, von dem nicht nur Kinder profitieren, sondern später sogar die gesamte Gesellschaft. Mit unserem Schulsystem produziert der Staat aus meiner Sicht weiterhin Versager, die im Erwerbsalter auf Grundsicherung angewiesen sind. Alle Kinder zu fördern wäre viel billiger, als die Leistung einer Grundsicherung, die sich Sozialhilfe nennt. 

Tolles Buch, superrecherchiert, sehr authentisch geschrieben, sehr schöne Sprache.

Da Tina und ich den Autor schon auf der Buchmesse gesehen und gehört haben, habe ich nun keine Lust, alles nochmals zu wiederholen, weshalb ich noch einmal auf meine Notizen von der Buchmesse´17 verweise.

Hier der Link, der zu meinen Notizen führt. Bitte auf der Seite bis zu der Lesung von Zehrer runterscrollen.

Mit Tina findet noch ein Telefongespräch zu dem Buch statt, das ich dann später hier nachtragen werde.

Telefongespräch mit Tina, Mo. 30.10.2017, 18:10 Uhr

War wieder mal schön, mit Tina telefoniert zu haben. Wir waren nicht gerade unterschiedlicher Meinung, da wir doch ähnliche Beobachtungen, Fragen und Gedanken entwickelt haben, die ich jetzt hier nicht wiederholen muss. Wir haben uns fast täglich Sprachnachrichten geschickt, kurze Gedanken aufgesprochen ... Neben dem Schriftlichen nochmal die Möglichkeit zu haben, sich auch mündlich auszutauschen, finde ich eine riesen Bereicherung. Interessant fand ich, dass Tina auch mit William so Mitleid entwickelt hatte, wo uns doch der Vater des Jungen, Boris, so furchtbar unsympathisch war, obwohl wir die Ansichten der Gesellschaft gegenüber nicht falsch fanden, sie waren nur zu radikal. Eine etwas absurde Lebensweise. Einerseits setzt sich Boris für Menschlichkeit für alle Menschen ein und merkt aber nicht, mit welcher Unmenschlichkeit er seine Ideale vertritt. Tina hat noch die Frage aufgeworfen, ob William ein Asperger-Autist gewesen ist. Aus meiner Sicht mag er Symptome haben, aber er ist kein Asp. Autist gewesen, da die Eltern das Kind zu einem Sonderling gemacht haben, der durch seine Lebensweise von anderen isoliert wurde. Das war sicher nicht die Absicht der Eltern. Bis zum Schluss war ihnen nicht einmal bewusst, dass sie den größten Beitrag dazu geleistet haben, dass William ein sehr unglücklicher Mensch geworden ist. 

Damit ihr auch Tinas Ansichten nachlesen könnt, verweise ich hier auf ihre Besprechung. 

Meine Bewertung zu dem Buch?

2 Punkte: Sprachlicher Ausdruck (Anspruchsvoll, keine saloppe Schreibweise)
2 Punkte: Differenzierte Charaktere
2 Punkte: Authentizität der Geschichte
2 Punkte: Fantasievoll, ohne dass es kitschig oder zu sentimental wirkt
2 Punkte: Frei von Stereotypen, Vorurteilen, Klischees und Rassismus
2 Punkte: Cover und Titel stimmen mit dem Inhalt überein

Zwölf von zwölf Punkten.


Weitere Informationen zu dem Buch

·         Gebundene Ausgabe: 656 Seiten
·         Verlag: Diogenes; Auflage: 2 (23. August 2017)
·         Sprache: Deutsch, 25,00 €
·         ISBN-10: 3257069987
Und hier geht es auf die Verlagsseite von Diogenes.  
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Die Überheblichkeit ist die engste Freundin von der Ignoranz, 
man trifft die beiden stets gemeinsam an.
(Klaus C. Zehrer)

Gelesene Bücher 2017: 48
Gelesene Bücher 2016: 72
Gelesene Bücher 2015: 72
Gelesene Bücher 2014: 88
Gelesene Bücher 2013: 81
Gelesene Bücher 2012: 94
Gelesene Bücher 2011: 86



Montag, 28. August 2017

Rachel Urquhart / Das zweite Gesicht



Klappentext
Massachusetts 1842: Die 15-jährige Polly zündet die heimische Farm an, ihr brutaler Vater kommt in den Flammen um. Polly und ihr Bruder müssen fliehen und finden Zuflucht in einer Shaker Gruppe. In dieser religiösen Gemeinschaft mit strengen Regeln wähnt sich Polly sicher vor den Nachstellungen des Privatdetektivs Simon Pryor, der den Fall aufklären soll. In der jungen Shaker-Schwester Charity findet sie eine Freundin und Verbündete. Doch als Polly sich in den Augen der Gemeinschaft als „Seherin“ erweist, als eine Auserwählte mit mystischen Visionen, beobachtet man sie auch hier mehr als genau. Wird Polly unter diesen Umständen weiter ihre wahre Geschichte verheimlichen können?

Autorenporträt
Rachel Urquhart ist Journalistin und Autorin, sie schreibt u.a. für The New Yorker, Elle, New York Times und Vogue. "Das zweite Gesicht" ist ihr Romandebüt. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen in Brooklyn.


Weitere Informationen zu dem Buch

·         Taschenbuch: 416 Seiten
·         Verlag: btb Verlag (10. April 2017)
·         Sprache: Deutsch
·         ISBN-10: 3442714826
·         ISBN-13: 978-3442714827